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What's driving retail - Flexibility

Robert Thiemann, Gründer und geschäftsführender Herausgeber der Fachzeitschrift für Raumdesign „Frame“, spricht über die gestalterischen Herausforderungen von Retail-Räumen, die flexibel und gleichzeitig auch nachvollziehbar sein können.

Warum ist Ihrer Meinung nach die Schaffung wirklich flexibler Retail-Flächen der Schlüssel zu einer erfolgreichen Strategie im Ladengeschäft?


Der zunehmende Druck durch den E-Commerce zwingt Einzelhändler, sich auf das zu konzentrieren, was Online-Shopping nicht bieten kann: eine physische, multisensorische Erfahrung. Auf ihrem Weg des Wandels von Verkaufsstellen zu Erlebnisräumen verkaufen erfolgreiche Läden aller Kategorien nicht mehr nur Produkte. Sie organisieren auch Veranstaltungen wie Produkteinführungen, Vorträge, Pop-ups und sogar Ausstellungen oder Filmvorführungen, um ihre Kunden zu unterhalten und zu informieren. Daher besteht ein größeres Bedürfnis nach Flexibilität als jemals zuvor. Die Ladenlayouts müssen über Nacht verändert werden können, um Raum für Veranstaltungen aller Art zu bieten. Darüber hinaus experimentieren immer mehr Einzelhändler damit, die Bestände im Geschäft und die Art und Weise des Verkaufs an die Online-Vorlieben der Kunden anzupassen. Das Visual Merchandising wird langsam, aber sicher abgelöst von dem Konzept „Design by Data“.

Wie gelingt es Raumdesignern, einen Raum zu gestalten, der sowohl hochflexibel ist als auch für die Customer Journey eine gewisse Struktur vorgibt?


Flexibilität kann auf zwei Arten erreicht werden. Im Gesamtlayout des Geschäfts können bestimmte Bereiche für Veranstaltungen reserviert werden. Diese mehr oder weniger leeren Flächen müssen für alle möglichen Events von Pop-ups bis hin zu Videovorführungen geeignet sein. Zweitens müssen sich Displays auf Flächen mit kommerziellem Schwerpunkt leicht verwandeln lassen. Sie sollten ohne großen finanziellen oder personellen Aufwand in eine andere Position versetzt oder auf andere Produktarten umgestellt werden können. Durch die Trennung von kommerziellen und eher „kulturellen“ Bereichen kann die Ladenarchitektur unabhängig davon, welche Veranstaltung stattfindet oder welche Produkte ausgestellt werden, unverändert bleiben. So kann auch die Integrität der Customer Journey gewährleistet werden.

Welche Beispiele für flexible Retail-Flächen sind Ihrer Meinung nach besonders bemerkenswert?


Ein Geschäft, das mir dabei in den Sinn kommt, ist United Cycling – der Gewinner des Frame Awards 2019 als Multi-Brand Store des Jahres. Abgesehen von der Tatsache, dass es keinem anderen Fahrradladen gleicht, hängen die Produkte dort von der Decke herunter. Sie lassen sich einfach per Knopfdruck absenken, damit die Kunden mit ihnen interagieren können. Schemata Architects haben ein komplettes Geschäftskonzept mit ähnlichen vertikalen Bewegungen gestaltet. Die Verkaufsräume der japanischen Streetwear-Marke Descente Blanc bestehen aus hängenden Kleiderständern, die abgesenkt werden, wenn die Verkäufer eine bestimmte Größe oder Farbe eines Produkts brauchen. Auf ganz andere Weise flexibel sind die berühmten Installationen der Brillenmarke Gentle Monster, die an Kunstwerke erinnern und alle vier bis sechs Wochen geändert werden.


Veröffentlichungsdatum: 05.09.2019
Bilder:Frame